Was du schon immer über TEMU nicht wissen wolltest
Tatort Temu – eine Story
Von außen sieht alles harmlos aus. Ein paar Klicks auf dem Smartphone, ein drehendes Glücksrad, ein Preis, der kaum höher ist als der Kaffee am Morgen. Konfetti‑Grafiken, Countdown‑Uhren, Gratisversprechen. Doch hinter der bunten Fassade der Shopping‑App Temu verbirgt sich eine Geschichte, die viele lieber nicht zu Ende denken möchten; eine Geschichte, die den Einzelhandel in Deutschland und Europa leise, aber nachhaltig verändert.
Oder anders gesagt: kaputt macht.
Ein Paket aus China – und das Schweigen im Laden
Als das Paket bei Familie M. ankommt, ist die Freude ehrlich. Vier Artikel, zusammen keine 15 Euro. Direkt aus China, zwei Wochen Lieferzeit, geschenkt. Was zählt, ist der Preis.
Zur gleichen Zeit, ein paar Straßen weiter: ein leerer Laden in der Fußgängerzone. Früher Haushaltswaren, seit Jahrzehnten inhabergeführt. Heute klebt ein Schild an der Scheibe: „Räumungsverkauf – wir schließen.“
Zwei Szenen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. In Wahrheit sind sie Teil derselben Geschichte. Temu, die chinesische Shopping‑Plattform des Konzerns PDD Holdings, hat sich innerhalb von weniger als drei Jahren zu einem der mächtigsten Akteure im globalen Handel entwickelt – und saugt dabei Kaufkraft aus den Innenstädten wie ein Staubsauger.
Der Aufstieg des Billig‑Wunders
Temu startet 2022 in den USA, kurz darauf in Europa. Die Strategie: simpel, brutal effizient. Extrem niedrige Preise. Maximale Sichtbarkeit. Werbung überall.
Allein 2023 investiert das Unternehmen Schätzungen zufolge über 1,7 Milliarden US‑Dollar in Marketing. Der Slogan ist kein Zufall: „Shop like a billionaire.“
Die Zahlen wirken surreal. Der Bruttowarenwert steigt von rund 290 Millionen US‑Dollar (2022) auf über 70 Milliarden US‑Dollar (2024). In Deutschland gehört Temu zeitweise zu den meistgeladenen Apps überhaupt. Billig schlägt bequem. Billig schlägt Gewohnheit.
Ein Geschäftsmodell, das niemand gewinnen lässt – außer Temu
Temu verkauft nichts selbst. Die Plattform vermittelt zwischen Käufern und meist chinesischen Herstellern. Versand erfolgt direkt aus der Fabrik, ohne Zwischenlager, ohne stationäre Infrastruktur.
Für Kunden heißt das: billig, langsam, oft überraschend.
Für den Einzelhandel heißt das: ein Kampf, der kaum zu gewinnen ist.
Denn während Händler hierzulande Miete zahlen, Personal beschäftigen, Steuern abführen, Rückgaben abwickeln und für Produktsicherheit haften, entzieht sich Temu vielen dieser Kosten.
Hinzu kommen psychologische Verkaufstricks: künstliche Verknappung, blinkende Rabatte, Countdowns, Spielelemente. Kaufen fühlt sich nicht nach Bedarf an, sondern nach Gewinn. Wer nicht zugreift, verliert – zumindest scheinbar.
Wenn Preise fallen, fallen Läden
Die Folgen sind messbar und sichtbar. Umsätze verlagern sich von stationären Geschäften und etablierten Online‑Händlern hin zu Billig‑Marktplätzen. Der durchschnittliche Warenkorb schrumpft, Margen brechen weg.
Für viele kleine Händler ist das existenzbedrohend.
Handelsverbände sprechen offen von Wettbewerbsverzerrung. Besonders bitter: Über Jahre profitierten Plattformen wie Temu von Zoll‑ und Steuerfreigrenzen für Kleinsendungen. Milliarden Pakete überschwemmten Europa, während lokale Händler jeden Euro korrekt versteuern mussten.
Die EU plant inzwischen Gegenmaßnahmen. Doch für viele Geschäfte kommen sie zu spät. Wer einmal geschlossen hat, kommt nicht zurück.
Schnäppchen mit Beipackzettel
Neben dem wirtschaftlichen Schaden wächst auch die Sorge um die Sicherheit. Die EU‑Kommission stuft Temu als „Very Large Online Platform“ ein. In verdeckten Testkäufen stoßen Behörden auf nicht EU‑konforme Produkte; darunter Babyspielzeug und Elektronik.
Das Risiko für Verbraucher sei hoch, heißt es aus Brüssel. Der Vorwurf: unzureichende Kontrolle, zu wenig Verantwortung, zu viel Masse.
Temu weist die Kritik zurück, betont Kooperation und Prüfprozesse. Doch der Zweifel bleibt – ebenso wie die Frage, wer haftet, wenn etwas schiefgeht.
Umwelt: billig gekauft, teuer entsorgt
Auch die Umwelt zahlt mit. Millionen Einzelpakete, oft per Luftfracht. Kurze Produktlebenszyklen. Verpackungsmüll im Überfluss.
Umweltorganisationen widersprechen der Darstellung, der Direktversand sei nachhaltig. „Billigware von heute ist der Müll von morgen“, heißt es.
Lokale Händler investieren in Reparatur, Beratung und langlebige Produkte. Temu profitiert von einer Wegwerfmentalität, die langfristige Kosten ausblendet.
Mehr als Shopping – ein politisches Signal
Temu ist längst mehr als eine App. Die Plattform steht für eine Verschiebung der Macht im globalen Handel. Europa ringt um Regeln, während chinesische Konzerne ihre Skalenvorteile ausspielen.
Die Frage lautet nicht mehr, ob Temu reguliert werden muss.
Sondern wie schnell – und wie konsequent.
Tatort Temu – und wir stehen mitten drin
Zurück in der Fußgängerzone. Leere Schaufenster. Keine Beratung, kein Reparaturservice, kein Gespräch über den Tresen hinweg.
Der Einzelhandel stirbt nicht an einem einzigen Paket aus China. Aber Temu beschleunigt den Prozess – leise, effizient, mit jedem Klick.
Der wahre Preis der Schnäppchen steht nicht auf dem Bildschirm.
Er zeigt sich in unseren Städten - sie sterben, nach und nach. Schuld ? Wir alle!